Niemand hat in der Gegenwart Jesu den Stein auf die „sündige“ Frau geworfen.
Mich belasten aber jene Steine, die heute auf Frauen geworfen werden. Nicht wegen des Bruches einer Ehe, sondern, weil sie eine ihnen zugewiesene Rolle verlassen haben. Frauen, die nicht mehr schweigen und politische Verantwortung übernehmen. Und die oft so lange dafür mit Verdächtigungen und hämischen Kommentaren verletzt werden, dass es irgendwann zu viel wird. Leider sind in diesem Fall nicht nur Männer Täter, sondern auch andere Frauen selbst.
Jesus hat die Frau nicht verurteilt, aber auch nicht nach dem Grund ihres Verhaltens gefragt. Vielleicht hätte es dann jemanden anderen gegeben, dem die wahre Schuld zuzuschreiben gewesen wäre.
Es ist übrigens sehr interessant, mehr über die Rechtsprechung in den römisch besetzten Gebieten dieser Zeit zu erfahren. Vor einigen Jahren wurden viele Gerichtsakten auf Papyrus in Höhlen in der Wüste gefunden. In denen ist festgehalten, dass zum Beispiel auch Frauen um ihr Recht in verschiedenen Belangen kämpften. Es geht heute wie damals oft um Erb- und Eherechte. Dabei wurden die lokalen und römischen Rechtsvorschriften gleichwertig angewandt, oder man suchte das gerade für den Fall günstigere durchzusetzen.
Die wichtigste Erkenntnis daraus könnte sein, dass sich jede Vorschrift, irgendwann, aus irgendwelchen Gründen, entwickelt hat. Und so auch jederzeit neu überlegt werden kann und muss.
Dass sich menschliches Verhalten auch in 2000 Jahren nicht so wesentlich verändert hat, steht auf einem anderen Blatt. Wahrscheinlich wird sich die Menschheit auch in 2000 Jahren noch über Gesetze unterhalten müssen.
Verurteilungen in Gerichten kann man mit Berufungen verändern. Die Vorverurteilung besonders von aktiven Frauen durch die Bevölkerung leider nicht. Die Steine fliegen aus allen Richtungen, in persönlichen Angriffen bei Veranstaltungen, durch Artikel in den Medien, abwertendes Diskussionsverhalten bei politischen Sitzungen.
Und irgendwann ist es ein Angriff; ein Stein zu viel und das Engagement stirbt für immer.